Dobbiaco / Toblach

Erinnerung an eine Winterreise vom 10. bis 24. Februar 2007

Ich kann mich gar nicht satt sehen an diesem Bergpanorama und immer wieder zieht es mich eine Wanderung lang hoch hinauf auf die Hänge rund um das Tal (Alta Pusteria), so auch erst vor drei Tagen bei Neuschnee, die tiefe erste Spur stapfend. Ich habe es mir neulich ausgerechnet: –Ich kenne diesen Ort nun schon seit einundzwanzig Jahren und bin nun das neunte Mal hier, also neun Winterreisen in so ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Dass ich einmal allein hier sein würde, das hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen.

blick-vom-ratsbergBlick auf Toblach vom Ratsberg aus in Richtung Süden

Drei Erinnerungen, drei ganz besondere, werde ich immer mit diesem Ort verbinden. –Zum Jahreswechsel 1989/90 stand ich neben B. auf dem wunderschön erleuchteten Friedhof hinter der Toblacher Kirche und schaute gespannt auf die Zeiger der Turmuhr, was war es uns bewusst, dass jetzt in Deutschland nicht nur ein neues Jahrzehnt, sondern auch eine ganz neue Zeit anbrechen würde (Was hatte man uns zwei Berliner alles vorher in der Hotellobby zur Situation in unserer Stadt befragt!)!
–Eine zweite Erinnerung bezieht sich auf meine erste »Wanderung« ins Hochgebirge. Es ging immer höher hinauf, schließlich unterhalb der »Drei Zinnen« entlang bis zu einem Gebirgssattel, der einen Blick ins nächste Tal erlaubte … es war gleichzeitig eine Wanderung in die absolute Stille, nur das Knirschen des Schnees unter den Schuhen und der eigene Atem waren zu hören, sonst wirkte die Stille wie ein leichter Druck auf den Ohren, ein Taubheitsgefühl, das gleichzeitig aber auch kreativste Gedanken ermöglichte, bis mir schließlich ein »Bergsteiger« in voller Montur entgegenkam und mich leicht besorgt an den Abstieg denken ließ.

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eine einfache Ordnung

–Und in Toblach habe ich vor sechs Jahren das alpine Skifahren gelernt. M. war meine Lehrerin und führte mich sehr rasch, ein wenig auch aus Versehen, auf eine »rote Piste« des »Haunold«. Sie erschien mir damals als so steil, als sollte ich von einem Balkon springen. Der Ort Innichen schien mir nahezu senkrecht unter uns zu liegen.
Ich nenne diese Piste noch heute die »Balkonabfahrt«.

Winterlandschaft

Toblach ist auch in diesem Winter offensichtlich von der Sonne begünstigt.
Ein für ihr Licht offenes Tal, durch das von West nach Ost die Bahnstrecke und eine Straße von der Brenner-Abzweigung bei der Franzensfeste über Bruneck, Toblach, Innichen nach Lienz führen. Ja, und bei Toblach zweigt nach Süden ein Einschnitt in die Dolomiten-Bergkette ab. Er beginnt beim sehr malerisch gelegenen Toblacher See und führt über 35 km durch eine schroffe, oft zinnenartige Berglandschaft nach Cortina und dann sind es nur noch um die 170km bis Venedig. Inmitten dieser Berge befinden sich die Drei Zinnen, auf italienisch so herrlich melodisch und spannend fremd
»Tre Cime di Lavaredo« … genannt, und der Misurina-See, von dem aus Du auch im Winter den Monte Piana besteigen kannst, ein 2276 m hoch gelegenes Plateau, das im ersten Weltkrieg wohl eine furchtbare Rolle spielen musste.
Nun habe ich diesen Berg ein drittes Mal bestiegen, denn dort oben gibt es einen für Flachländer regelrecht grandiosen 360-Grad-Panorama-Rundblick auf die Gipfelformationen der Dolomiten. Dazu ist es da oben ganz still, ja, so etwas von leise!

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auf dem Monte Piana

Noch einmal also ein richtiger Winter, allerdings sehr warm! Doch der Schnee reicht sowohl für die Langläufer als auch für das alpine Skifahren. Eine Woche wird es sicher noch gutgehen und es macht mir wieder riesigen Spaß. Diese Carving-Ski laufen eigentlich von allein, gesteuert werden sie im Prinzip nur durch Gewichtsverlagerung. Du musst Dich nur einmal richtig überwinden, das ganze Gewicht tatsächlich auf den »Talski« zu bringen, ist es der rechte, ergibt das eine Linkskurve und umgekehrt. Dieser Regel folgend, kombiniert mit einem »Ankanten« der Skier, kommst Du so auch an steilen Hängen immer zum Stillstand, bzw. kannst das Tempo entsprechend gut regulieren …

Hier in Südtirol und besonders in Toblach geht es an den Skihängen sehr gemütlich und familienfreundlich zu. So kann ich mir als Anfänger stets in aller Ruhe von den zahlreichen Skilehrern mit ihren »Kindergruppen« noch so manchen Trick abgucken und dann auch mal selbst meine Steuerungskünste auf einer Ski-Schul-Slalomstrecke ausprobieren. Auch ein Stück »schwarze Piste« lässt mich nicht mehr gleich erschrecken, nur dass dann eben schneller die Kraft nachlässt …

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Loipe

15. Februar 2007

Aus meinen Appartement-Fenstern habe ich einen geradezu majestätischen Blick auf diese besonders in der Abenddämmerung so klar, kalt und unberührt von allem Menschlichen wirkenden Felsengipfel und Schneehänge. Da sitze ich dann nach einem heißen Bad mit meinen »Beifügungen«, als da sind: Marillen-Likör, Tiroler Speck, »Kaminwurzen«, Gewürzbrot, Nougat-Halbmond-Kekse vom Bäcker, Schokolade, Milchkaffee. Eigentlich esse ich dann alles durcheinander und schaue auf die Berge … s.o.
Um18:45 Uhr gibt es im Fernsehen den Wetterbericht für Süd-Tirol und um 19:00 Uhr die »heute«-Nachrichten im ZDF – : also Dauerregen in Deutschland, doch am Wochende so etwas wie Frühlingsanfang.
Für morgen (Freitag,16. Februar) sind hier 10 Grad und Sonnenschein vorhergesagt.
Auf geht es also auf den Monte Elmo, –was für eine Bergwelt! –und eine sagenhafte, 4 km lange Piste talwärts! Dort oben befindet sich übrigens meine Lieblingsabfahrt – sie hat von mir auch einen individuellen Namen bekommen: »Vom Hahnspiel zum schnellen Sessel«. Zurück bzw. wieder aufwärts benötigst Du zwei Sesselliftfahrten in der warmen Sonne mit einem beschaulichen wunderbaren Blick auf die Bergwelt und das vielfältige Geschehen unten bei den Skifahrern.

So freue ich mich an der Schönheit dieser Landschaft und an meiner »Freiheit« genau dieses ausgiebig tun zu können, es ist aber auch häufig sehr einsam. So pendelt sich wohl stets eine Waage ein und sucht den Ausgleich.

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eine einfache Ordnung

17. Februar

Genau zur Halbzeit ist eigentlich eine ruhige Wanderung ins »Fischleintal« vorgesehen, doch dann entwickelt sich daraus wieder eine echte aufregende Hochgebirgstour und gleichzeitig ein treffendes Beispiel für den soeben erwähnten Ausgleich der Waage. Ich muss nur geduldig darauf warten und dann die sich bietenden Chancen nutzen. Dieses Mal gelange ich wie schon auf vergangenen Reisen wieder zum »Talschluss«. Ein Halbkreis von steilen, hohen, unterschiedlich strukturierten Felsformationen scheint das Tal völlig abzuschließen und vermittelt einen Eindruck von einem kalten, doch wunderschönen Ende der Welt.
Doch dieses Mal entdecke ich neben der »Talschlusshütte« einen ca. 40 cm breiten, scheinbar von einem Schneewiesel planierten Pfad, später sind es nur noch zwei Skispuren und noch etwas später leider nur noch Abdrücke von Schneereifen. Doch ich will es jetzt wissen, –wohin führt dieser Weg? Zuerst erweist sich die niedergedrückte Schneedecke als tragfähig, dann erfolgen jedoch leider immer wieder tiefe Einbrüche eines Beines, schließlich auch bis zur Leiste. Doch die sich immer mehr eröffnende Bergwelt macht süchtig und neugierig. Ganz oben scheint sich ein Gebirgssattel zu befinden und lässt wieder auf eine neue Perspektive hoffen. Ein gleißendes Sonnenlicht erfordert eine sehr spezifische Belichtungsmessung beim Fotografieren. Die Spitzen hoher Felsentürme, zuerst weit oben sichtbar, bzw. hoch vor Dir aufragend, befinden sich nach einer gewissen Zeit auf Augenhöhe. Das macht einfach Spaß, zumal Du dort oben allein bist und falls eine »Begegnung« stattfindet, ist es tatsächlich eine solche. Man begrüßt sich sehr aufmerksam – ein kleines Gespräch über den Weg, das Befinden, das Licht… Irgendwann verliert sich dann die Spur. Ich muss mich schon zeitweilig auf allen Vieren aus den Einbrüchen herauswühlen und ahne, dass der Schnee in den Schuhen jetzt zu nassen Füßen führt. Es ist angesagt umzukehren. Doch die Kamera ist voller Bilder, ich selbst habe für Stunden so manchen Kummer vergessen. Was zählen da nasse Füße?!

– Und aus einem meiner Lieblingsromane ist mir folgende Szene in Erinnerung geblieben, die meinen Empfindungen in der Natur einen bestätigenden Ausdruck verleiht:
Zwei Brüder fahren bei unglaublich starker Brandung mit einem Kanu aufs Meer hinaus. Viele Leute stehen gebannt am Strand und beobachten das Geschehen. Was beabsichtigen die Jungen? – Nun ja, sie wollen »ein Bild der Brandung von hinten« fotografieren. Es glückt übrigens.

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Spuren im Hundertsechzig Morgen Wald

22. Februar

Der »Pragser Wildsee« ist ähnlich dem Fischleintal von hohen Gebirgsformationen umgeben. Auf der einen Schmalseite führt eine Straße an den See und endet dort, – auf der gegenüberliegenden Seite führt ein Wanderweg vom See weg ins Gebirge hinein zu einem höher gelegenen schmalen Gebirgstal und erreicht schließlich in noch größerer Höhe eine weite, offene, sanft ansteigende Hochfläche. Im Gegenlicht der schon sehr warmen Sonnenstrahlen bilden Skispuren, dicht nebeneinander in sanften Kurven verlaufend, eine Struktur, die an unzählige Schlangen denken lässt, die sich den Hang hinauf flüchten. Was für ein Foto!
Überhaupt entwickelt sich diese Wanderung als ein einziges fotografisches »Hineinlegen« in die weichen ineinanderfließenden, so unglaublich zart in Weiß und Blaugrau abgetönten »Schneemoose«…

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Schneemoose

Bei aller Romantik, – die Füße bleiben dieses Mal trocken und vorhin habe ich mir in einem Sportgeschäft »Schneeschuhe« erklären lassen, die HighTech-Version indianischer Schneereifen. Das wäre dann etwas für das nächste Jahr?!

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Schneemoose

ein zweites Erleben

Etwas oberhalb von Toblach findest Du auf den Ausläufern des Südhanges des Ratsberges (Monte Rota) die beiden kleinen Nachbardörfer Wahlen und Santa Maria Aufkirchen. Zwischen beiden Dörfern und den Hang aufwärts erstrecken sich weite Almwiesen, die ganz oben in einen Nadelwald übergehen, alles zusammen nun schon wieder zehn Tage lang unter Sonnenbestrahlung. Entsprechend ist der Schnee inzwischen völlig geschmolzen. Den Monte Rota aufwärts laufe ich auf schmalen Fahrwegen und die zahlreichen Holzbänke laden in der warmen Sonne immer wieder zum Verweilen ein, bei einem so schönen Blick in das Pustertal und auf die gegenüberliegenden schroffen Berge. So gestalte ich meine Ruhe-und Lesetage. Gedämpfte Geräusche der Straße, der Eisenbahn und der Kirchenglocken von Toblach und Niederdorf dringen aus dem Tal herauf, vom Waldrand oben kommt ein immerhin schon frühlingshaftes Vogelgezwitscher dazu.

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Januskopf

Ich bin aber auf meiner Holzbank ganz versunken in die Welt meines Buches. Der ultimative Ferienroman – der ein so ganz anders Erleben schildert, in Berlin und in Potsdam, in der Nazizeit und in der Zeit nach der »Wende«: »Omega Minor« von Paul Verhaeghen. Schau es Dir einmal bei Gelegenheit an! Es ist ein Buch, dass mich bedauern lässt, dass ich nicht mehr »Deutsch« unterrichte. Ständig markiere ich mir ganze Textpassagen, die man eigentlich mit seinen Schülern diskutieren müsste …
So bezieht sich das Erleben auf meiner Reise wieder einmal auf zwei Welten: Die Bergwelt der Dolomiten um mich herum und die so völlig anders geartete, literarisch dargestellte und von mir vorgestellte Erlebniswelt in meinem Buch. – Ein Kontrast, den man eigentlich nur mit den erwähnten Bäcker-Keksen und ausreichend Milchkaffee mildern kann …

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aus dem Hundertsechzig Morgen Wald: gezeichnet – Pu der Bär…

Natürlich gab es auch einen Reiseweg, den ich hier aber vernachlässige. Er führte von Berlin aus über die A9 bis kurz vor München, dann über Garmisch-Patenkirchen nach Innsbruck und im weiteren Verlauf über den Brenner bis zum Alta Pusteria. Die Pustertal-Straße zweigt bei der Franzensfeste bzw. bei der Ausfahrt »Brixen« ab und Du fährst weiter über Bruneck in Richtung Innichen bis Toblach.

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Schneemoose


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