wanted! – moonshinegang

So ungefähr zwanzig Jahre mag es her sein, als ich mit einem Freund einmal das Zusammenleben mit einem Kuscheltier diskutierte. Wir waren damals so um die Vierzig und noch ganz ernsthaft und eifrig dabei, die Beziehungen zu unseren Partnerinnen pflegen, gestalten – auch genießen zu wollen, entdeckten Humor und Imagination – und eben auch »Pu den Bären«. Die Übersetzung von Harry Rowohlt ist schlicht umwerfend, ebenso sein Vorlesen und wenn Dir jemand im Zug gegenübersitzt, eigentlich schon erwachsen, doch ebenfalls die allgegenwärtigen Hörer im Ohr, weiß verkabelt und den iPod im Schoß, still vor sich hin kichernd, dann darfst Du durchaus vermuten, dass er gerade Pu dem Bären zuhört, oder dem Frkl oder gar der ganzen Geschichte, wie IAah seinen Geburtstag erlebt…
H. erzählte mir damals von einem mit ihm befreundeten Paar, das zuweilen, in Krisensituationen und dann wohl beim Frühstück, einer Puppe als einer Dritten im Bunde gegenübersitzt. Ja, und diese Puppe redet, diskutiert, überlegt nun alles mit, ergreift Partei, ist aber auch fair in der Auseinandersetzung und häufig unendlich komisch. Natürlich klärt sie so manche Missverständnisse auf, übersetzt dem einen oder anderen geduldig die Meinung des Partners mit liebevollen Worten, – man unterbricht ihre Sätze ungern…
Noch Fragen?..

Also lebe ich mit Rolf Holunder zusammen. Und das Schönste ist, er hat auch »Pu der Bär« gelesen und verschwindet immer wieder einmal im Hundert-Morgen-Wald… So sind wir uns über Beobachtungen und Einschätzungen der Welt um uns herum grundsätzlich einig.

Imagination.

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Rolf Holunder in KamaresRolf Holunder, vor der Höhle von Kamares, April 2007

– von der artgerechten Haltung eines Kuscheltieres

Es folgt ein Einschub:

»Neulich wurde von mir die inzwischen verbreitete Tätigkeit verlangt, auf dem Flughafen bei der Sicherheitskontrolle die Schuhe auszuziehen. Als ich meine Schuhe in dieser Schale hinterlegte, durchzuckte mich eine Ahnung äußerster Absurdität. Ich muss die Schuhe ausziehen und röntgen lassen, weil irgendein Typ versucht hat, eine Linienmaschine mit seinen Turnschuhen in die Luft zu sprengen. Und ich dachte: Ich komme mir vor wie in einer Welt, die sich nicht einmal Kurt Vonnegut hätte ausdenken können. (…) (Wenn jemand Explosivhosen erfindet, sitzen wir nämlich wirklich in der Tinte.)«

(aus »Mann ohne Land« von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt)

Vor gar nicht so langer Zeit fiel mir ein Zeitungsartikel in die Hände, in dem in sehr launiger Art und Weise davon berichtet wurde, dass es wohl doch etliche erwachsene Menschen um uns herum gäbe, die mit ihrem Kuscheltier im Gepäck verreisen. Beziehe ich nun diese Information auf die zunehmenden Sicherheitskontrollen auf jedem Flugplatz, die etliche Autoren inzwischen in eine Zukunft hochrechnen, in der wir wohl bald alle nackt fliegen müssen, so vermute ich, dass nun offensichtlich so mancher, sehr seriös wirkende Zeitgenosse ganz öffentlich als Kuscheltierliebhaber in Erscheinung treten muss. Pu der Bär würde dies symphatisch finden und ein »Gesumm« anstimmen, während Asterix wohl ausrufen würde: »Die spinnen, die Europäer!« Ich sehe das gelassen, denn nun mal im Ernst, würdest Du an meiner Stelle »Rolf Holunder« in den Koffer legen bzw. im Reisegepäck »aufgeben«. Nein, natürlich nicht! Er wird nicht aufgegeben und kuschelt sich in meinem Hand-Gepäck-Rucksack neben die Kamera. Es ist ein wenig hart, doch schön dunkel und das liebt er.

Rolf Holunder ist ein Maulwurf.

Du willst mehr von ihm wissen? Nun, ich habe leichtsinnigerweise „Rolf Holunder” in Googles Suchfenster eingetragen und musste eine Überraschung erleben. Mein Kuscheltier enpuppte sich als Mitglied der Moonshinegang von Sigikid, nachtaktiv (stimmt), ein Schlenkertier (was auch immer das ist), sitzt (sehr schön), 20 cm groß (stimmt), Handwäsche bei 40 Grad (ist mal wieder fällig, von allein kommt er nicht darauf) … – so der Steckbrief im Internet.
»Oh, Rolf, was machst Du eigentlich des Nachts?«, fragte ich einigermaßen entsetzt, denn schon meine Suchanfrage bei Google nach einem Mitglied einer nachtaktiven Moonshinegang würde sicherlich in der Anti-Terror-Datenbank gespeichert, bestenfalls nur im deutschen Innenministerium. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Also hüte Dich, Papa eines Kuscheltieres!

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Rolf Holunder am Tegeler SeePorträt »Rolf Holunder«

Doch auf dem Euro-Airport Basel-Mulhouse, sollte noch einmal alles gut ausgehen, wenn auch Rolf Holunder seinen großen öffentlichen Auftritt hatte, inmitten der Sicherheitskontrolle, von einem leichten Erschrecken begleitet. Er war noch ganz verschlafen. Es war schließlich Tag.

Der Euro-Airport macht seinem Namen alle Ehre. Wir fuhren mit dem Zubringerbus am Freiburger Hauptbahnhof los, also in Deutschland, kommen auf dem französchischen Teil des Flughafens an, gehen einen schmalen Gang entlang, zeigen kurz den Ausweis und sind in der Schweiz um schließlich mit Easy Jet nach Berlin, Deutschland, zu fliegen. Irgendwie genial, oder? – Das ganze für den Preis von sechs Kinokarten hin und zurück, einschließlich Rolf Holunder. Nun ja, er hatte seinen Freund Lukas, den unheimlich schönen Kater meiner Tochter besucht und träumte nun in meinem Rucksack so vor sich hin, während ich mich der Schweizer Sicherheitskontrolle näherte. Von einem Flug in die USA, zusammen mit Rolf Holunder, hatte ich mich schon innerlich verabschiedet; ein Mitglied der Moonshinegang, –dann noch 72 Stunden vorher anzumelden, meine auffällige Suchanfrage bei Google und ich selbst ein Typ, der schon einmal illegal über eine Grenze gegangen ist (was zählt heute noch der kalte Krieg, wir befinden uns im Anti-Terror-Kampf, einem heißen!), das wird wohl schief gehen …

Das Problem war nun nicht etwa Rolf, sondern mein zugegeben etwas ungewöhnlich geformter, in seiner Funktion aber genialer Karabinerhaken aus dem dänischen Seglerbedarf, mit dem ich immer mein ledernes Geld-und Ausweistäschchen an den Gürtelschlaufen sichere. Ich hatte schlicht vergessen, es aus dem Rucksack zu nehmen, und dieses kleine metallene Teil war in der Schweiz offensichtlich unbekannt. Das so interessant grün-grau-gelb-ockerfarbene Bild meines Rucksacks und seines nun sichtbaren Inhalts blieb schon auffällig lange auf dem Monitor der Durchleuchtungsanlage stehen –(und Rolf schien gesund zu sein), während ich schon die Wanderschuhe ausziehen und den Hosengürtel öffnen musste …
Früher, in den 70iger, 80iger Jahren hatten wir uns über solche und ähnliche Prozeduren in Helmstedt/Marienborn oder Drewitz/Dreilinden völlig lustig gemacht oder uns mit Recht tief empört, doch wie gesagt – was zählt schon…
So verändert sich die Welt, mehr und mehr… doch wohin? …

Mein Rucksack wurde ausgepackt und so stand der Sicherheitsbeamte mit völlig ausdrucksloser Miene am Band der Apparatur, in der rechten Hand mein Geldtäschchen, den Karabinerhaken seinem Kollegen am Bildschirm zeigend, in der linken Hand, fast noch höher gehalten – Rolf Holunder. Ich musste lächeln und mein Maulwurf, mein kleiner nachtaktiver Gangster, war mir dankbar dafür. Es beruhigte ihn.

Imagination und Ortskundeprüfung

Rolf Holunders Weblog

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Blättertierchen VarBlättertierchen im Einhundertsechzig-Morgen-Wald,

– Wo das ist? –

Bitte nachlesen in »Pu der Bär« von A. A. Milne, in der Übersetzung von Harry Rowohlt

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