In der Ramsau am Dachstein

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Abends im Dunkeln von der Bundesstraße 320 bei Schladming abzweigend und eine Serpentinenstrecke nach Ramsau hinauffahrend, gilt es nur noch dem Verkehrsleitsystem zu folgen und die Ausfahrt »Gelb-638« zu finden. Gästehaus Grahhof, –ich bin am Ziel.

Bist Du in den folgenden Tagen auf den Loipen oder Wanderwegen des Hochplateaus unterwegs, fühlst Du Dich stets dem Dachstein sehr nahe. Du hast ihn gewissermaßen im Rücken, bzw. Dich von West nach Ost orientierend zur Linken und auf dem Rückweg dann umgekehrt. Zur anderen Seite nach Süden hin, bildet ein weiter Blick hinüber zu den Schladminger Tauern eine großartige Szenerie, –betont von der Drei Berge Skischaukel: Planai, Hochwurzen und Reiteralm.
Die Ramsauer Hochebene erscheint mir in südwestlicher Richtung bei Schildlehen vom Rittisberg begrenzt, während sie in südöstlicher Richtung über Ramsau-Ort, Kulm, Obere- bzw. Untere-Leiten und Torf leicht abfällt. Vom Ortsteil Vordere Ramsau führt ein Wanderweg zur Silberkarklamm und ganz östlich liegt Rössing, während nach Süden gesehen, der Kulmberg das obere Plateau und somit auch den Blick abwärts in Richtung des Ortsteils Vorberg begrenzt. Schladming selbst kannst Du dann nur noch im Schatten der Berge tief unten im Tal erahnen.
Einen wunderbaren Eindruck der umgebenden Bergpanoramen bekommst Du auf dem Wanderweg 5, dem Rittisberg-Rundweg. Zuerst triffst Du auf der Südseite u.a. auf die Sonnenalm, mit ihren wahrhaft schönen Ausblicken hinüber zur Reiteralm und weit hinunter nach Mandling, später dann kannst Du, dem Weg weiter folgend, auf der Nordseite das ganze Dachsteinmassiv ausgiebig betrachten.

die-sonnenalmSonnenalm

Meinen allerschönsten Wanderweg dieses Winters lerne ich allerdings zuerst bei großer Dunkelheit kennen und präge mir im Licht unserer Fackeln einige Wegmarken ein. –
Etwas oberhalb von Ramsau-Ort liegt der Grahhof, eine kleine Familien-Pension. Von dort holt uns am Silvesterabend gegen 19 Uhr ein kleiner Bus ab und einige der Pensionsgäste lernen sich das erste Mal kennen – so unterschiedlich die individuellen Frühstückszeiten eben alltäglich ausfallen. Für mich als Einzelreisenden bedeutet es zudem, dass achtzehn Gute Wünsche zum Neuen Jahr vielleicht doch etliches zum Besseren wenden könnten. Wahrscheinlich erhofft sich das ein jeder.
Zunächst erwartet uns auf der Walcheralm, so auf ca. 1700 m Höhe, ein Bauernbuffet an langen Holztischen, Musik zwischen Rock, Pop, und steirischen Harmonikaklängen vom iBook eines temperamentvollen, offensichtlich sehr verliebten jungen Mädchens, Gespräche über dies und das, dem Jahresende leicht entsprechend, und schließlich ein richtig schönes Feuerwerk inmitten all des Schnees, einerseits so hoch oben in den Bergen und andererseits unterhalb der Türlwand, denn zum Dachsteingletscher geht es noch 1000 Meter weiter hinauf. Doch das werde ich erst zwei Tage später erleben …

Wir aber begeben uns jetzt im Licht unserer Fackeln auf eine sechs Kilometer lange Abstiegswanderung durch die Neujahrsnacht, laufen in der Regel zu zweit nebeneinander, auch um eine Fackel vorerst noch in Reserve zu halten, schließlich kennen die meisten von uns den Weg nicht und zur Rechten geht es offensichtlich steil bergab, was im Dunkeln echt bedrohlich wirkt, – so als ein absolutes Nichts.
Wir laufen, eine Lichterkette bildend, die sehr schön aussieht, unterhalten uns leise, der Schnee knirscht unter unseren Stiefeln und das Licht unserer Fackeln flackert und wirft flüchtige Schatten auf den Schnee.
An der Brandalm stoßen wir auf eine Gruppe von silvester-fröhlichen Jugendlichen, die sich vorgenommen haben, unsere Abstiegsroute im Dunkeln mit Schlitten zu bewältigen. Sie haben offensichtlich viel Spaß dabei, bis zu dem Moment, in dem sich die aufkommenden Bedenken beider Gruppen entsprechen, denn ein junger Mann bittet uns plötztlich aufgeregt um eine Fackel; einer der Schlittenfahrer sei verloren gegangen. Wir teilen die Besorgnis, bis sich glücklich herausstellt, dass es nur schwierig ist, die Schlitten konsequent durchzuzählen. Unsere Fackeln gehen zur Neige. Die Schlittengruppe biegt mutig nach rechts hinunter auf eine Skipiste ab und wir erreichen beim Restlicht von zwei Taschenlampen einen vereisten Fahrweg. Rutschend und schlitternd und lachend kehren wir wieder zum Grahhof zurück. – Frohes neues Jahr!

schattenmuldeSchattenmulde

Wie schon geschrieben, ich habe mir einige Wegmarken eingeprägt, so gut es im Dunkeln eben möglich ist, und am 2. Januar gehe ich den Weg bei sonnigem Wetter in umgekehrter Richtung bergan. Später werde ich noch die Bestätigung erhalten, dass dies tatsächlich einer der schönsten Wanderwege der Umgebung sei.

brandliftBrandlift

Ausgangspunkt ist Edelbrunn, etwas oberhalb vom Grahhof gelegen und von Ramsau-Ort führt ebenfalls ein ausgeschilderter Weg dorthin und weiter in westlicher Richtung stetig bergan. Im weiteren Verlauf heißt dieser Weg schlicht 5-Hütten-Weg und trägt die Nummer 6. Am Dachsteinhaus und etwas später am Brandlift vorbei geht es durch einen Fichten- und Lärchenwald zur Brandalm, eine im Nachmittagslicht sehr beliebte Jausenstation, wie sich auf dem Rückweg herausstellen wird. Zwei Abzweigungen folgen, einmal führt nach links ein unterer Weg direkt zur Walcheralm, während nach rechts oben ein Schild auf die in 15 min erreichbare Austriahütte hinweist. Ich folge aber weiter dem Hauptweg, denn für mich ist längst ein Entschluss gefasst; bei diesem zwar frostigen doch sonnigen Wetter orientiere ich mich an den Hinweisen auf die Talstation der Türlwand-Seilbahn – und dann geht es hinauf auf den Dachstein-Gletscher!

dachsteinBlick auf die Walcheralm unterhalb des Dachsteinmassivs

Die Fahrt in der Gondel ist schon ein eindrucksvolles Erlebnis, – so etwas von steil hinauf, bis auf 2700 Meter! Dann stehst Du schließlich oben auf dem »nach außen« führenden »Sky-Walk« und schaust durch eine cirka 2 mal 2 Meter große gläserne Bodenplatte tief hinab auf die schroffen Felsen und steilen Schneehänge. Schwindelfrei solltest Du in diesem Moment schon sein. Bei ziemlich eisigem Höhenwind führt Dich dann eine Gletscherwanderung zur Seethaler Hütte, bzw. zur Dachsteinwarte. Durch einen etwa acht Meter langen Eistunnel betrittst Du dann eine warme Stube. Ein Kaminfeuer brennt und es gibt ganz expeditionsmäßig Erpsensuppe mit Würstchen und heißen Tee. Durch die Fenster siehst Du natürlich hier nichts. Wir befinden uns unter Schnee und Eis.

Später, im Nachmittagslicht wieder talwärts fahrend, die Sonne steht schon relativ tief, begeistern mich die filigranen lang gestreckten Schattenwürfe der Lärchen; so ganz differenzierte, mehr oder weniger scharf sich auf den Schneeflächen abzeichnende grafische Bilder – Tageslicht-Fotogramme. Einige Tourenskiläufer suchen sich im Tiefschnee in kurzen Schwüngen von Felsplateau zu Felsplateau ihren Weg talwärts. Zuweilen ist es atemberaubend ihnen zuzuschauen und mich erinnern sie sofort an die Ziegen in den Felswänden der Schluchten auf Kreta.
Und ganz oben im Nachmittagshimmel und in dem immer wärmer wirkenden Licht– ein Heißluftballon.
Drei Drachenflieger sind auch schon gesichtet. Der Wind hat nachgelassen …

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Lärchenschatten

– für Silvia und Hermann Walcher

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