»Tatort«

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Wir mögen sie nahezu alle, unsere Tatort-Kommissare.
Wir mögen sie wahrscheinlich umso mehr, je eher die Darstellung bzw. die Entwicklung ihrer Charaktere gerade auch in den so geschickt angelegten Zweierkonstellationen der Filmhandlung unserer jeweiligen aktuellen psychischen Situation entspricht. Vor dem Hintergrund eines spannenden Falles identifizieren wir uns sonntags gern mit Max Ballauf und Freddy Schenk, Charlotte Sänger und Fritz Dellwo, Till Ritter und Felix Stark … und der eine oder andere erkennt sich sogar selbst in der seltsamen Kauzigkeit von Klaus Borowski oder in Frank Thiels oft unbeholfener, doch tapferer Art der Bewältigung diverser Widrigkeiten des Alltags.
Erreicht Dich eine kriminelle Handlung nun aber selbst und tritt sie so unmittelbar in Dein persönliches Leben, fühlst Du ein Grau neben Dir. Lange Zeit wird es Dich noch begleiten und ganz der Aufklärungsarbeit Deiner so geliebten Kommissare entsprechend, fragst Du nun ständig nach den Bezugspunkten. Wie konnte das passieren? Direkt spannend, gar faszinierend oder in irgend einer Weise genussvoll ist das für Dich allerdings nicht mehr, kein Sonntagabendgefühl will sich einstellen …

Im Nachinein gesehen – eine einzige Pechsträhne und der Tatort wenig vorstellbar. Er lag in Atlanta, Amerika. Ich aber flog nur von Berlin-Tegel nach Salzburg, allein dies schon mit vierstündiger Verspätung. Der Bordcomputer des Flugzeugs ließ sich nicht mehr starten. Also blieben wir alle am Boden, bis eine Ersatzmaschine aus Hannover geordert und endlich eingetroffen war, vergnügten uns schließlich bei Würstchen und Brot mit unseren Handys. Ich selbst war in der Folge vorerst beruhigt; mein Polo stünde bei Europcar trotz allem bereit …
Ich würde also mein Reiseziel, die Ramsau, nun doch erst im Dunkeln erreichen. Schade!
Doch am Schalter von Europcar auf dem Flughafen in Salzburg sollte sich erst einmal herausstellen, dass meine Kreditkarte nicht akzeptiert, bzw. der Mietbetrag nicht authorisiert werden konnte. Wusstest Du übrigens, dass in dieser elektronisch vernetzten Welt so manches tatsächlich nur mit einer dieser speziellen Plastikkarten erhältlich ist. Ein Auto auf einem Flugplatz gehört wohl ebenfalls dazu. Kein Bargeld, auch keine ec-Karte wird mehr angenommen. Hätte ich meine Bankfiliale nicht telefonisch gerade noch rechtzeitig erreichen können, das Auto wäre mir nicht herausgegeben worden, ich hätte in den Folgeminuten allerdings auch nicht erfahren, dass meine Visa-Karte in Atlanta mit rund 3000 Dollar belastet wurde und ihr Verfügungsrahmen damit nun ausgeschöpft sei. Ich muss zugeben, ich fühlte mich einige Minuten lang relativ hilflos, unsicher, entsetzt …

Nun, der bewusste Verfügungsrahmen wurde erhöht. Es sollte noch eine weitere halbe Stunde dauern, bis die Karte entsprechend aktiviert und dann der Mietvertrag unterschrieben war. Unmittelbar danach rief ich noch einmal meine Bankfiliale an und ließ die Karte entgültig sperren. Sie fühlte sich tatsächlich heiß an …
Die nächsten Tage begleitete mich das erwähnte Grau, schwächte sich erst allmählich ab, je mehr ich mir bewusst machte, dass doch in meinen bisherigen Kreditkartenabrechnungen keine einzige in irgendeiner Form misteriöse Adresse zu finden war. Alles ganz normal eben, ja so etwas von normal! Doch gleichzeitig löste gerade diese Normalität vorerst auch ein umso größeres Entsetzen aus und diese so verunsichernde Unerklärbarkeit: Kreditkartenmissbrauch!

Einen ganzen Monat lang sollte mich dieser Fall noch innerlich begleiten. Das bewirkt nun tatsächlich kein »Tatort«. Eher noch fühlte ich mich an einen Fall von Identitätsdiebstahl in T.C. Boyles Roman »Talk Talk« erinnert. Inzwischen hatte ich allerdings die Initiative ergriffen und auf drei mehr und mehr klärenden und konstruktiven Gesprächen mit einem Bankmitarbeiter bestanden. Visa selbst meldete sich nicht, stellte nur 15 Euro für die Kartensperrung in Rechnung. Mir selbst halfen nach der Eingabe des Wortes »Kreditkartenmissbrauch« in das Suchfenster bei Google einige Informationen aus dem Internet. Auch den eigentlichen Tatort, »Best buy« in Atlanta, konnte ich auf diesem Weg identifizieren. – Und darüber hinwegfliegen, mit Google Earth.
Übrigens, bei aller vorgegaukelten Professionalität, Europcar schickte doch glatt eine falsche Abrechnung, so als hätte ich das Auto erst zwei Tage später zurückgegeben. Natürlich korrigierten sie auf meinen Einwand hin sofort den zu zahlenden Betrag, doch in Zukunft werde ich mir die Rückgabe eines Autos stets schriftlich bestätigen lassen. Tatorte finden sich leider alltäglich.

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