in die Wildnis – into the wild

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»Die Freiheit und die schlichte Schönheit darin sind einfach zu verlockend.«

Chris McCandless

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Am Rand des Denali-Nationalparks in Alaska, am sogenannten Stampede Trail, kann man bis heute einen Bus vorfinden, ein ausgemustertes Modell des Fairbanks City Transit System mit der Nummer 142, in Weiß und Grün, jedoch verrostet, verwittert, die Räder schon zu einem Drittel in der Erde verschwunden. Etliche Fensterscheiben sind zersprungen, doch immerhin sind eine alte Matratze und ein Ofen, der aus einem alten Ölfass gebaut wurde, vorhanden. 1961 bis 1963 diente dieser Bus Arbeitern einer Antimon-Grube als behelfsmäßige Unterkunft, später dann auch etlichen Jägern…
Hier entdeckte ihn auch im April des Jahres 1992 Christopher McCandless, 24 Jahre alt, – und beschloss zu bleiben. Hier begann er seinen Versuch, mit 5 Kilogramm Reis und einem halbautomatischen Remington-Gewehr allein in der Wildnis zu überleben. Vier Monate später, Mitte August, war er verhungert.

Über die Geschichte des jungen McCandless hat Jon Krakauer das Buch »Into the wild« geschrieben und Sean Penn, dem Buch sehr getreu folgend, einen Film gedreht, der mich sehr, sehr ergriffen hat. Irgendwie berührt diese Geschichte in einigen Details auch mein eigenes Verhältnis zum Reisen, mein Erleben in der Natur …

So füge ich hier an dieser Stelle die Links auf zwei Filmkritiken hinzu – aus dem Berliner Tagesspiegel  und dem Spiegel, die durchaus unterschiedlich aber doch sehr differenziert auf den Film eingehen, wobei der Spiegel noch drei Fimausschnitte zur Betrachtung anbietet.

Was mich persönlich begeisterte, und es wird in dem Filmausschnitt »Leben in der Wildnis« schon deutlich – hier geht es nicht um sensationelle Effekte, man wird auch nicht von hinreißenden Landschaftsbildern erschlagen, wie die Tagesspiegel-Kritik in ihren letzten Sätzen vermuten lässt (»… wo Krakauers Buch auf magische Weise die Seelenlandschaft eines jungen Glückssuchers ausleuchtete, erschöpft sich die Kamera bald im manischen Blick auf die undurchdringliche Natur«), sondern wir erleben als Zuschauer eine durchaus nachvollziehbare Entwicklung. Auch die zwei grundsätzlichen Fehler, die MacCandless unterlaufen und die letztendlich dazu führen, dass er nicht zurückkehrt, obwohl er das offensichtlich will, erscheinen mir absolut folgerichtig, schlicht verständlich. Den dritten Fehler bereut er schon zuvor bitter – er hat einen Elch erlegt …

Ich habe den Film schon zweimal gesehen und Jon Krakauers Buch parallel dazu gelesen, was sich wunderbar gegenseitig ergänzte. Während der Film den Menschen, denen McCandless als »ästhetisch Reisender«, wie er sich selbst bezeichnete, begegnet, ein Gesicht verleiht und auch seine familiären Hintergründe und Motive aufzeigt, betont das Buch eher die pschologischen Aspekte und die Art der Beeinflussung des Jungen durch Literatur, – u.a. Jack London, Tolstoi und Pasternak … und ich selbst fand in dem Buch sogar Hinweise auf Jules Vernes »Nemo«. Das ist echt packend zu lesen, zumal Krakauer auch sich selbst bzw. seine eigenen Erlebnisse als »Bergsteiger« einbezieht.

Sechs Zitate mögen dies hier verdeutlichen und eben auch neugierig machen:

»Lieber als Liebe, als Geld, als Ruhm gebt mir Wahrheit. Ich saß an einem Tische, wo feine Weine und Speisen im Überfluss vorhanden waren, wo man mich sorgsam bediente, wo es aber keine Aufrichtigkeit und Wahrheit gab. Hungrig verließ ich ihren ungastlichen Tisch. Die Gastfreundschaft war so kalt wie das Gefrorene.«

Henry David Thoreau, »WALDEN. EIN LEBEN IN DEN WÄLDERN«

»Von Chris McCandless angestrichener Passus aus einem der mit der Leiche geborgenen Bücher. McCandless hatte an den oberen Rand der Seite das Wort »Wahrheit« in großen Druckbuchstaben geschrieben.« 1)

»Wir haben in Amerika die Tradition des »Großen doppelherzigen Stroms«: das Ritual besteht darin, dass man seine Wunden zur Heilung, zur Umkehr oder was auch immer in die Wildnis trägt. Und wenn, wie in der Hemingway-Geschichte, die Wunden nicht allzu tief gehen, klappt dies auch. Aber wir sind hier nicht in Michigan (und auch nicht in Faulkners »Big Woods« in Mississippi). Dies hier ist Alaska.«

Edward Hogaland, »UP THE BLACK TO CHALKYITSIK« 2)

»Es lässt sich wohl kaum abstreiten,… dass die Vorstellung von einem freien, ungebundenen Leben uns seit jeher berauscht und beflügelt hat. In unserer Gedankenwelt verbinden wir damit die Flucht vor der Last der Geschichte, vor Unterdrückung, dem Gesetz und lästigen Verpflichtungen. Wir sehnen uns nach der absoluten Freiheit, und der Weg dorthin führte schon immer gen Westen.«

Wallace Stegner »The American West As Living Space« 3)

»Bevor wir jedoch das Wagnis nicht eingegangen sind, können wir nicht wissen, wieviel von jener Unbändigkeit in uns steckt. Sie ist es, die uns über Gletscher und durch reißende Ströme zwingt, die uns die gefährlichsten Gipfel erklimmen lässt, und mag es uns auch noch so unvernünftig erscheinen.«

John Muir, »The Mountains of California« 4)

»Es ist wohl wahr, dass schöpferische Menschen in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen oft scheitern, und einige unter ihnen führen ein geradezu isoliertes Dasein. Sicherlich ist auch nicht zu leugnen, dass es genügend Fallbeispiele gibt, in denen ein frühes Trauma – z.B eine im frühen Kindesalter zu bewältigende Trennung oder irgendein schmerzlicher Verlust – einen potenziell gestalterisch-kreativen Geist dazu veranlassten, verstärkt die Seiten seiner Persönlichkeit auszubauen, die es ihm ermöglichen, auch in relativer Isolation Erfüllung zu finden.

Aber dies bedeutet nicht, dass eine einsame, kreative Beschäftigung zwangsläufig auch pathologisch ist…

Vermeidungsverhalten ist eine Reaktion, mit der ein Säugling sich vor drohenden Verhaltensstörungen zu schützen sucht. Im späteren Erwachsenenleben können von Vermeidungsverhalten geprägte Säuglinge durchaus ein starkes Bedürfnis entwickeln, Sinn und Ordnung in ein Leben zu bringen, dessen Gelingen nicht völlig oder hauptsächlich von zwischenmenschlichen Beziehungen abhängt.«

Anthony Storr, »SOLITUDE: A RETURN TO THE SELF« 5)

»Als der Schneesturm sich am Nachmittag des 15. Mai schließlich gelegt hatte, kehrte ich an die Südostseite zurück und kletterte einen schmalen Grat hinauf, der dem Gipfel wie der Strebebogen einer gotischen Kathedrale vorsteht. Ich beschloss, dort, auf dem beengten Kamm sechshundert Meter unterhalb des Gipfels, die Nacht zu verbringen. Der Abendhimmel war von kaltem, wolkenlosem Glanz. Ich konnte bis an die Küste und weiter sehen. Als die Dämmerung hereinbrach, blickte ich nach Westen und beobachtete gebannt, wie in Petersburg Lichter erschimmerten. Seit dem Proviantabwurf war dies der erste Kontakt zu meinen Mitmenschen, wenn auch nur von weitem. Das ferne Lichterspiel löste in mir eine Flut von Gefühlen aus. Unwillkürlich dachte ich an Menschen, die vor dem Fernseher saßen und sich ein Baseballspiel ansahen, Menschen, die gebratene Hähnchen in hellerleuchteten Küchen aßen, die Bier tranken oder sich liebten. Als ich mich schlafen legte, spürte ich eine quälende Einsamkeit in mir aufsteigen und mir den Hals zuschnüren. Niemals in meinem Leben hatte ich mich je so einsam gefühlt.«

Jon Krakauer – aus der Beschreibung seiner Besteigung des Devils Thumb 6)

Die Zitate finden sich in Jon Krakauers Buch »In die Wildnis«, Taschenbuch, Serie Piper
auf folgenden Seiten: 1) – S. 177, 2) – S. 107, 3) – S. 29/30, 4) – S. 216, 5) – S. 94/95, 6) – S. 227

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»into the wild«

über Chris McCandless (deutscher Text)

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