SMS – »Street«-Message-Service


von Liesbeth Greulich

Berlin ist ein Buch. Wie ein dickes Register voller dringender Nachrichten lässt sich diese Stadt durchblättern. Überall stoßen wir auf Mitteilungen anderer Menschen. In der Schule, im Nachtleben, unterwegs, auf Schildern, in der S-Bahn, im Bus, auf der Toilette, an Wänden, in Läden oder irgendwo sonst auf der Straße…
Es sind Kommandos, Sprüche, Hilferufe, Statements, Nachrichten und Kommentare; eben ein uferloses Hieroglyphenmeer. Es zieht unsere Blicke auf sich, man wird begeistert, aufgefordert, gelockt, angesprochen und informiert.
Überall begegnen uns Wörter und Slogans. Man kommt ins Innere der Stadt durch Straßen, randvoll mit Ladenschildern, die aus den Mauern herausragen. Doch jeder Werbeträger ist geeignet für die große urbane Kommunikation, die nur auf uns lauert. Du kennst das auch: Wind und Regen haben beispielsweise Plakate an Litfasssäulen, an Bretterzäunen oder Hauswänden zerfetzt und unansehnlich gemacht. Die Ereignisse, auf die sie hinweisen, sind längst vergangen.

Mein Ziel war es, all diese Nachrichten und Mitteilungen, denen wir in Berlin begegnen, einzufangen. Die Idee dazu kam mir beim Lesen eines Artikels im Tagesspiegel, indem eine Französin beschreibt, wie sie nur aufgrund von »Stadt-Nachrichten« das für sie neue Berlin wahrnimmt und kennenlernt. Ich habe an verschiedenen Plätzen in Berlin fotografiert, um diese Bilder dann auf meiner »Plattform« bzw. auf meinem Berlin-Stadtplan zu platzieren. Selbstverständlich findet nicht jedes »Stadt-Zitat« seinen eigentlichen Platz auf dem Stadtplan. Aber es wäre ja auch lustig die Graffitis, die es in der Yorckstraße gibt, an den Wänden von Frohnau zu sehen, oder?
Der Blick in Berlin überfliegt die Straßen wie beschriebene Seiten: Die Stadt sagt alles, was man denkt, lässt dich ihre Rede wiederholen und während man in Berlin unterwegs ist, registriert man hauptsächlich Botschaften wie Namen und Zeichen, mit denen die Stadt sich selbst und ihre Teile bezeichnet. Tagelang geht der Mensch zwischen Bäumen und Steinen einher. Selten verweilt das Auge auf einem Ding, nämlich nur dann, wenn er es als Zeichen für etwas anderes erkannt hat. So setzt Berlin viele, viele Zeichen. Und würde ohne die ganzen Kritzeleien und Verewigungen der verschiedenen Leute die ganze Stadt nicht kahl und uninteressant sein und traurig aussehen?

 

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© by Liesbeth Greulich
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»SMS« ist ein sehr interessantes Beispiel einer völlig eigenständig konzeptionell und künstlerisch entwickelten »Halbjahresarbeit« (11. Jahrgang, Gymnasium, Berlin)
betrifft BK

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