Blickmaschinen (Visual Tactics) – eine Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst, Siegen

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»The Stereograph as an Educator«

Quelle: The Library of Congress

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Der Filmemacher Werner Nekes hat über Jahrzehnte hinweg eine einzigartige Sammlung aufgebaut, deren Stücke sich zu einer Kulturgeschichte der optischen Medien zusammenfügen: Anamorphosen, Laterna-Magica und entsprechende Projektionsbilder, Kaleidoskope, Perspektivtheater, bzw. Guckkästen, Stereoskope und schließlich auch die Wundertrommeln, Praxinoskope und Daumenkinos, einschließlich entsprechender Abspielapparaturen  etc., die als Vorläufer für unser Kino und Fernsehen anzusehen sind. In den vergangenen Jahren haben in Deutschland zwei große Ausstellungen unter den Titeln »Ich sehe was, was du nicht siehst!« (Museum Ludwig, Köln) und »Schaulust. Sehmaschinen, optische Täuschungen & andere Spektakel« (Die Sammlung Werner Nekes im Altonaer Museum, Hamburg) die Möglichkeit geboten, nicht nur optisches »Spielzeug« zu bewundern, sondern auch eine geschichtliche Entwicklung der Bilderzeugung vor dem Hintergrund der jeweiligen technischen Möglichkeiten nachzuvollziehen.

Als ich mir die Hamburger Ausstellung ansah, war ich völlig fasziniert. Doch galt mein Interesse nicht nur kulturhistorischen Aspekten. Das eigentlich Begeisternde für mich war, dass man sehen und verstehen konnte, wie die einzelnen Apparate funktionieren – sie tun das ja immer noch – und wie die so vielfältigen, zum Teil auch raffiniert verwirrenden Wahrnehmungseffekte entstehen, nicht zu vergessen diese unglaubliche ästhetische Sinnlichkeit, die diesen »Blickmaschinen« innewohnt, egal ob wir sie nur als Ausstellungstücke gewissermaßen von außen betrachten oder gar mit ihnen bzw. durch sie hindurch »sehen«.

»Als das Kaleidoskop diesen Zustand der Perfektion erreicht hatte, war es unmöglich nicht zu erkennen, dass es nicht von höchstem Nutzen für alle ornamentalen Künste und gleichzeitig ein populäres Instrument für alle Zwecke der vernünftigen Unterhaltung werden würde«

David Brewster, »The Kaleidoscope. Its history, theory and construction«, London 1856, Übers.: Eva Schmidt.
– hier gefunden im Katalog »Blickmaschinen«, DuMont, 2008, S. 158.

So erscheint es mir naheliegend, dass nun ein weiteres großes Ausstellungsprojekt zeigen will, wie diese Ursprünge der Bildproduktion, so z. B. das Kaleidoskop, die camera obscura,  die laterna magica, das Stereoskop … von zeitgenössischen Künstlern aufgegriffen werden. Es soll erfahrbar werden, »wie künstlerische Bilder zustande kommen, welche Eigenschaften spezifisch für sie sind und wie Fiktion und Realität, Illusion und Vision ineinander greifen. Die Aktualisierung von überlieferten Konzepten und Apparaturen meint mehr als eine Wiederbelebung: Sie birgt das Potential von Entwicklung und Erneuerung, von Überraschung und Versuch. Dabei findet in der Gegenüberstellung der Bilder, die von den Apparaten und verschiedenen Techniken geliefert werden, mit dem, was das menschliche Auge bereit ist, an Bildern wahrzunehmen, immer auch eine Überprüfung unserer Sehgewohnheiten statt.« (aus dem Ausstellungprospekt)

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vom 23.11.2008 bis 10.05.2009

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr.
Montag geschlossen. Feiertage geöffnet.

Information:
Telefon: 0271 405 77 10
Fax: 0271 405 77 32
E-Mail: info/at/mgk-siegen.de

»Das Bild, sein Wirkungsspektrum und die damit verbundene ständige Veränderung unserer Sehweisen gilt es immer wieder neu auszuloten. Künstler wenden sich heute oft parallel neben Video, Digitalkamera und Computer den historischen Medien zu. Die Ausstellung Blickmaschinen stellt aktuelle künstlerische Positionen in Zusammenhang mit Exponaten aus der Sammlung Werner Nekes. Zu sehen sind ca. 200 Objekte aus dieser Sammlung und Werke von 40 zeitgenössischen Künstlern seit den 1960er Jahren wie William Kentridge, Roland Stratmann, Kara Walker, Robert Smithson, Ulrike Grossarth, Mischa Kuball, Sigmar Polke, Thomas Ruff, Markus Raetz (…) Innerhalb des Ausstellungsparcours sind die Objekte als medienarchäologische Stationen präsentiert. Sie sind teils in Vitrinen zu sehen, teils können sie vom Publikum benutzt werden.« (aus dem Ausstellungprospekt)

Zur Ausstellung erscheint in hervorragender Qualität aller Abbildungen unter dem Titel »Blickmaschinen« ein umfangreicher Katalog im DuMont Verlag, der die Gegenüberstellung der verschiedenen Medien, Apparaturen und künstlerischen Werke bezogen u.a. auf »Blick und Bild«, Licht und Schatten, Spiegelungen, Reflexionen, Perspektive und Animation … sehr anschaulich theoretisch vertieft und der auch ein mit werkmonographischen Texten versehenes Verzeichnis der ausgestellten Werke sowie ein sehr informatives Glossar der optischen Medien, verfasst von Werner Nekes, enthält.

Ich persönlich empfehle den Katalog jedem Fachbereich »Bildende Kunst« unserer Schulen, nicht nur wegen der vielfältigen visuellen Anregungen, sondern auch hinsichtlich seiner Texte. Natürlich steht die camera obscura nahezu im Mittelpunkt, doch auch Artikel wie »Vom Furor des Optischen«, »Die Kunst des Schattenwurfs«, »Das Kunstwerk als Apparat«, »Spiegelgedanken«, »Was ist Kino?« … habe ich mit großem Interesse gelesen und das folgende Zitat fordert meiner Ansicht nach Interpretation und Diskussion durch unsere Schüler der Oberstufe regelrecht heraus:

»… Blickmaschinen sind Prothesen des Auges. Um die Ambivalenz eines solchen Fortschritts auszudrücken, prägte Sigmund Freud das Wort vom Menschen als Prothesengott. Es ist eine seltsame Wortschöpfung – kann man denn göttlich nennen, was Prothesen braucht? Der innere Widerspruch bringt die gemeinte Zwiespältigkeit zur Anschauung. In der Tat machen Medien den Sinnen ein paradoxes Angebot: Sie vertrauen und misstrauen ihnen zugleich. In einer einzigen Bewegung werden Augen und Ohren sowohl aufgewertet als auch abgewertet. Aus dieser Not hat bereits Descartes eine Tugend zu machen gesucht und immer bessere Fernrohre versprochen. Dieses ständige Versprechen zukünftiger und stets besserer Medien begleitet die Menschheit seither. Man könnte es die Logik des Updates nennen. Durch sie wird die Vergangenheit entwertet, ohne dass man davon los käme. Denn Updates müssen abwärts kompatibel sein. Zugleich wird eine Zukunft versprochen, die niemals eintreten kann. Denn das perfekte zweifelsfreie Medium ist aus prinzipiellen Gründen unmöglich. Trotzdem sucht jedes Update die oben angesprochene Paradoxie zu überwinden und eben jene Differenz zu schließen, aus der es hervorging und welche immer neu von ihm produziert wird. Im Update zirkuliert die ewige Wiederkehr der Differenz. Wo aber solche Widersprüche auftreten, da ist die Stunde der Kunst. Indem sie die Bewegung still stellt, befragt sie das Medium.«
Peter Bexte, „Vom Furor des Optischen“, unter einer zweiten Überschrift – „Optische Lenkdrachen“ (na, wenn das nicht neugierig macht ?!) – im Katalog »Blickmaschinen«, DuMont, 2008, Seite 60

Der Katalog kann auch online direkt vom Museum bezogen werden.

spätere Ausstellungsorte sind:

Mücsarnok / Kunsthalle, Budapest
19. Juni – 30. August 2009
Pillanatgépek

Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, Sevilla
17. September – 22. November 2009
Máquinas de mirar

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Ich wünsche der Ausstellung einen großen Erfolg!

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