Josef Madleners Schattentheater

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Zuweilen erreichen sie mich überraschend, auch zufällig, jene wunderbaren Koinzidenzen, Leitbilder, Strukturen meines bildnerischen Interesses, ähnlich schon verloren geglaubter Spuren, die plötzlich wiederentdeckt sich klar abzeichnen und auf den »Hauptweg« zurückführen.

So schrieb ich erst kürzlich einen Eintrag zur Ausstellung »Blickmaschinen« im Museum für Gegenwartskunst, Siegen und entdeckte schließlich in diesem umfassenden Zusammenhang, dass einige kleine Silhouetten-Animationsfilme von Lotte Reiniger auch auf YouTube betrachtet werden können. Sie begeistern mich von meinem filmtechnischen Interesse her schon lange …

Koinzidenz, ein Zusammentreffen von Umständen –
eine Reise, Schattenbilder, Blickmaschinen, Silhouetten …
Ja, Silhouetten werden angekündigt, als ich vor der Kunsthalle in Memmingen stehe, direkt neben dem Bahnhof. – Die Kunsthalle – eine sehr gelungene Restaurierung bzw. ein Umbau eines alten königlichen Posthauses aus dem 19. Jahrhundert zu einem wunderschönen Ausstellungsgebäude. – Was in Berlin mit dem Gropiusbau und dem Hamburger Bahnhof gelang, hier wurde es ebenfalls verwirklicht … »Gut bespielbare Ausstellungsräume – um einen überdachten Lichthof angeordnet – bieten auch ungewöhnlichen Ausstellungs- und Veranstaltungskonzepten eine hervorragende Präsentationsplattform.« (Website der Stadt Memmingen)
Wissen alle Memminger Einwohner eigentlich, was für ein »Schatz« sich da neben ihrem Bahnhof befindet?

Silhouetten also,
Schattenfiguren,
»Josef Madleners Schattentheater«
So ist die gegenwärtige Ausstellung in der Memminger Kunsthalle betitelt
und noch bis zum 31. Mai kann sie besucht werden (verlängert bis zum 20. September!!!)
in 87700 Memmingen, Bahnhofstr. 1
an allen Tagen außer Montags von 11 bis 17 Uhr,
Tel.: 08331/850771

Doch nicht geschnittenen Silhouettenfiguren, werde ich hier visuell begegnen, scheinbar einem Film Lotte Reinigers entsprungen, nein, in der Kunsthalle treffe ich auf vielfältige Bühnenlandschaften und Szenen, sehr schön gerahmt und präsentiert, einige auch um einiges vergrößert, von einem bläulichen Licht umflirrt – eine helle Nacht – und erfahre ausdrücklich aus dem Katalog: Diese Figuren stellen keinen Silhouettenschnitt dar, sie sind gemalt. Es handelt sich schlicht um Schwarz-Weiß-Malerei.

Aus dem hervorragend gestalteten Katalog erfahre ich zu dem, dass der Begriff der Silhouette auf einen französischen Finanzminister des 18. Jh. hinweist ( gegenwartsbezogene Gedanken entstehen da rein zufällig) :

»Zu einer künstlerischen Herausforderung, zum Spiel im Spezifischen der Kunst ist das platonische Glasperlenspiel mit Licht und Schatten, mit Schwarz und Weiß, mit Wesen und/oder Nebensächlichkeiten aber erst sehr spät geworden. Der Begriff Schattenriss, Scherenschnitt, Schattenzeichnung ist unauflöslich mit dem französischen Finanzminister Graf Étienne de Silhouette (1709-1767) verbunden, durch den die Sache selbst zum übergeordneten Begriff wurde: Silhouette. Das meint den Umriss einer Fläche, den Kontur eines Gegenstandes, den dieser dunkel vor einem hellen Hintergrund abzeichnet. Geiz war sozusagen die Mutter der Kunst des Silhouettierens, des Schattenschnitts, denn der Graf wollte sparen. Nicht dass er selbst der Erfinder des Scherenschnitts zu nennen wäre, aber sein Spareifer beförderte die Kunst des Schattenbildes, des Bildes à la Silhouette. Gemälde, Porträtgemälde waren ungleich aufwendiger und teurer als ein billiger Schattenriss, und aus der Not, der Sparvariante, wurde eine Tugend, die das 18. Jahrhundert, vor allem das bürgerliche Zeitalter zur Perfektion brachte.« ( Joseph Kiermeier-Debre, in »Schwarzweißmalerei«, im Katalog zur Ausstellung »Josef Madleners Schattentheater«, S. 168)

Nun, auch ich ließ aus vergleichbaren Motiven meine Schüler in Lichtstrahlen treten, die von Dia- oder Overhead-Projektoren an die großen Wandflächen unseres Kunst-Fachraumes geworfen wurden. Auf großen Formaten wurde ein somit gewonnener Schattenumriss mit Zeichenkohle fixiert und später flächig ausgemalt … Lebensgroße Figuren entstanden und verdoppelten, zuweilen auch collagemäßig »angezogen«, gewissermaßen visuell die Zahl der anwesenden Schüler …

Nach einem Bericht von Plinius dem Älteren steht ein Schattenriss am Beginn der Malerei, ja auch der Bildhauerei: Eine junge Frau zeichnet das Schattenprofil ihres Geliebten, der in den Krieg ziehen soll, auf einer Wand nach, um es festzuhalten. Als der junge Mann nicht zurückkehrt, formt der Vater aus dem Schattenbild eine plastische Gestalt …

Einen kulturhistorischen Zusammenhang in Bezug auf Josef Madleners Schattenfiguren beschreibt für mich folgende Passage aus dem Katalog zur Ausstgellung:

»Natürlich ist unter der Sonne nie wirklich etwas ganz neu, denn schon seit Urzeiten kennt man die Umrisszeichnung, das Schattenabbild, ob in steinzeitlichen Höhlen, ob auf griechischen Vasen, ob in der chinesischen Tradition. Fast möchte man sagen, der Schattenumriss ist der Ur-und Musterfall einer aperspektivischen Kunst, einer allenfalls dualistischen Weltauffassung.
Ausgerechnet diese scheinbare Reduktionsform einer vormodernen Weltsicht wird die große Modeangelegenheit just in dem Augenblick, nachdem die europäische Kunst die perfekte Vermessung der Welt mittels der Entdeckung der Perspektive in der Renaissance geleistet hatte.
Étienne de Silhouette ist vermutlich nur der Katalysator, der Beschleuniger in einem Entwicklungsprozess, der ohnehin als eine bescheidene Gegenbewegung zu der erstmaligen Positionierung des Menschen in Raum und Zeit in Gang gekommen wäre. Es so sehen, heißt anerkennen, dass dem künstlerischen Spiel mit den Schatten, den Silhouetten, ob auf Vasen oder in Höhlen, ob mit Schere oder Tusche, die ganz große Weihe hoher Kunst fehlt. Und in der Tat haftet dem Bemühen um den Schatten bis hin zum wirklichen Schattenspiel und Schattentheater, ja noch den Produkten eines Philipp Otto Runge bis hin zu den Filmen einer Lotte Reiniger die Etikette einer hübschen Spielerei, eines liebenswerten künstlerischen Zeitvertreibs als Makel an. Biedermeierlichkeit jenseits einer klaren Epochenbezeichnung als allgemeine Beschreibungsqualität für all die Produkte, deren Entstehung zumeist aus einer Gelegenheit bestimmt wird, ist schnell bei der Hand. Schattenkunst ist Gelegenheitskunst für das Stammbuch in Zeiten lange vor dem Foto aus der Sofortbildkamera, es ist Kunst zur dekorativen Ausschmückung des bürgerlichen Hauses und Dokumentationsmittel familiärer Beziehungen und Verhältnisse. Sie ist Mittel zum sparsamen Zweck in der Plakatkunst und eine reizvolle Möglichkeit der Buchillustration vom ABC-Buch bis zum Buch von höchstem literarischen Anspruch jenseits des Vierfarbendrucks.
Biedermeierlichkeit und Gelegenheit sind zweifellos auch die Begriffe, die im Falle von Josef Madleners Schattenbildern nahe liegen. Man kann damit die ernsthafte Auseinandersetzung mit Arbeiten von hoher künstlerischer Qualität zu Schanden machen, wenn man sofort wertend dem Vorurteil zu Hilfe kommt. (Dies gilt nun wirklich auch für jede Kunstbetrachtung, für jeden Ausstellungsbesuch!!! -khnemo) Das soll hier ausdrücklich nicht so sein; denn die Gelegenheit schändet erstens nicht, und das Biedermeier war nach seinen inneren künstlerischen Kriterien die Epoche, in der das Bürgertum in Literatur, Musik und Kunst seinen ureigenen Ausdruck fand.« ( Joseph Kiermeier-Debre, in »Schwarzweißmalerei«, im Katalog zur Ausstellung »Josef Madleners Schattentheater«, S. 169/170)

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© für die Abbildungen – Kunsthalle Memmingen

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